KRAKAU | Das Geheimnis um Mercy Brown

Diesmal brauchte es keinen Code, um Einlass gewährt zu bekommen. Der Weg sollte vielmehr durch eine verwaiste Garderobe in die Bar führen. Versteckte Plätze, geheime Telefonnummern oder Einlass nur über Beziehungen: Die Hinterzimmer-Bars (Speak-Easies) der Zwanziger Jahre feiern längst nicht mehr nur in New York City ihr Comeback. Fast in jeder Großstadt kann man sie finden, so auch in Krakau, Polen.

Mir ist unklar, ob es sich bei Mercy Brown um einen fiktiven Namen handelt, oder um eine Anlehnung an die englische Unterwelt-Legende gleichen Namens – in jedem Fall gibt es Einlass in selbig benannte Bar in Krakau, wenn man nach ihr, Mercy Brown, fragt.

Der Einlass ist jedoch nicht ganz leicht, denn nur wer den Eingang findet, kann die Atmosphäre der Bar im Prohibition-Style der 1920er Jahre bei einem guten Cocktail – klassisch aus der Teetasse – genießen. Eine Anspielung auf den Film „Some like it hot“, wo im Speak-Easy hinter dem Beerdigungsinstitut „Mozarella’s Funeral Parlor“ Whiskey aus der Tasse getrunken wurde. Was ich nicht wusste, dass das Smakolyki-Restaurant durch dessen Garderobe man hindurch muss – so meine Information –, gegen Mitternacht längst geschlossen hat und sich allein schon dadurch die Suche nach dem Eingang schwieriger gestaltet.

Ich stand in der Straszewskiego-Straße vor dem Haus mit der Nummer 28. Genau genommen befand ich mich vor einem Hauseingang neben dem Restaurant-Schaufenster des „Smakolyki“ und blickte durch eine Glastür in einen schwach beleuchteten, geräumigen Hausflur. Es gab zwei Klingeln ohne jegliche Beschriftung. Was kann schon geschehen, dachte ich und schellte. Nur eine von beiden funktionierte. Es tat sich jedoch nichts. Auch nach längerem Warten und erneutem Klingeln nichts. Ich entschied mich dennoch zu warten, da ich am Ende des Hausflurs hinter einer Milchglasscheibe glaubte, Schatten gesehen zu haben. Und tatsächlich – die Tür öffnete sich und drei ausgelassene, im Gespräch miteinander vertiefte Personen kamen quasi aus dem Nichts und schoben sich an mir vorbei.

Dahinter ein junger Mann, der mich fragte, was ich wolle. Naja, sagte ich, ich wolle etwas trinken und sei auf der Suche nach „Mercy Brown“. Der junge Mann stellte sich mit seinem Vornamen vor, und nach einem kurzen Wortwechsel fügte er an, dass noch ein Drink möglich wäre, sie jedoch an diesem Tag früher schlössen, da sie kaum Gäste gehabt hätten. Den Hausflur hoch, gebückt unter einer Garderobe samt Kleiderbügeln hindurch, durch eine Art Schranktür, gefolgt von einigen Windungen und Fluren eröffnete sich eine klassische Speak-Easy mit edler Einrichtung. Man fühlte sich in die fiktive Welt der Romanfigur „The Great Gatsby“ des US-amerikanischen Autors F. Scott Fitzgerald versetzt.

Oleg, so sein Name, platzierte mich bei sich an der Bar, und ich studierte die Karte. Diese war auf lokale Komponenten ausgerichtet: Vodka und Gin aus kleinen Destillen der Umgebung. Oleg entpuppte sich als feiner Gastgeber mit einem großen Know-How. Seine Geschichte spannend: Er hat als Bartender angeheuert, nachdem ihm ein Job als „Truck-Driver“ auf Kanadas „Ice-Roads“ mangels Erfahrung verwehrt geblieben war.

Während unseres Gesprächs zauberte er mir seinen aktuellen Signature-Drink: „Grobny-Tea“ in einer Teetasse. Dieser war ein Mix aus Birne, Zitrone sowie Salbei und spielt mit Süße und Säure, gepaart mit einer starken Gin-Note. Als phantastisch empfand ich die Liebe zum Detail: In der Tasse schwamm ein Eiswürfel, in dem eine Schnur mit beschriftetem Logo-Schildchen steckte, gleich einem Teebeutel.

Im Gegensatz zu den Getränken der Speak-Easies der 1920er Jahre, die zumeist aus minderwertigem hochprozentigem Alkohol bestanden, sind die Getränke der heutigen Speak-Easies kleine Kunstwerke mit besonderen Zutaten und Flavors. Jedem Cocktail ist eine ganze Seite mit ausführlicher Beschreibung gewidmet. Der Preis bleibt trotzdem immer im Rahmen, so auch hier in Krakaus Mercy Brown – ein Geheimtipp zum Weitersagen.


Mercy Brown | Straszewskiego 28, Krakow

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