NEW YORK | The Dead Rabbit

Once upon a time – es war einmal. So beginnen Legenden und Märchen, auch das der „Dead Rabbit“. Für mich war der Besuch in dieser Bar wie eine Zeitreise in den brodelnden „Melting Pot“ der „Gangs of New York“ längst vergangener Jahrzehnte.

Big Apple war nie ein beschaulicher Ort, vor allem nicht in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Die Namen der Stadtteile, „Gates of Hell“ oder „Pigtown“ lassen erahnen, dass es raue Zeiten waren. Bandenkriege, Krankheiten, Korruption, Rassismus beherrschten die sogenannten „Five Points“, so der Name des Slums im Süden von Manhattan um 1850, in denen die „Dead Rabbits“, die „Plug Uglies“, und die „Bowery Boys“ ihr Unwesen trieben.

Im heutigen Financial District rings um die Wall Street, die ihren Namen der alten Stadtmauer verdankt, erinnern nur noch wenige historische Gebäude an den brodelnden „Melting Pot“ mit seinen zweigeschossigen Backsteinhäusern und schäbigen, feuchten Zwei-Zimmer-Appartements für zehnköpfige Familien.

Und doch kann man das „alte New York“ der Legenden finden. Betritt man die Bar „The Dead Rabbit – Grocery and Grog – so hat es den Anschein, als erzähle die Bar die Geschichte der Anfänge New Yorks. Bereits das Ladenschild außen am Backsteingebäude aus dem Jahr 1828 in der Water Street 30, lässt die Detailverliebtheit der beiden Besitzer Sean Muldoon und Jack McGarry erahnen. Mehr ein Metzger als ein Jäger mit typischem Schnauzbart ist auf dem Bild abgebildet, in seiner rechten Hand hält er ein Messer, in der linken den toten, blutenden Hasen, und zu seinen Füßen steckt ein Jagdhund seinen Kopf in den Hasenbau. Es ist anzunehmen, dass es der Name der Bande von Dieben und Halsabschneidern, nach dem die Bar benannt ist– „Dead Rabbit“ –, weniger mit toten Kaninchen zu tun hat, als dass er auf den Begriff „dod raibead“ zurück zu führen ist. Was im Gälischen so viel bedeutet wie „Rowdy“ oder „Hooligan“. In meinen Augen eine gelungen bildliche Anspielung, die Lust auf mehr macht. Im Übrigen findet man im selben Block die historische Fraunces Tavern, eine Schänke aus dem Jahr 1719, in der schon George Washington logierte und in dessen sogenannten Long Room selbiger seine Abschiedsrede hielt.

Der Bouncer an der Tür des „Dead Rabbit“ zeigte uns den Weg in den Tap Room. Die Bar besteht aus zwei getrennten Bereichen, dem Tap Room unten und dem Parlour im Obergeschoss. Letzterer ist für Cocktailtrinker sicher der interessantere Teil, aber es war erst kurz nach 17 Uhr, und wir waren nach einem Tagesausflug nach Ellis Island eigentlich nur hungrig. Ein Drink in der außergewöhnlichen und mehrfach preisgekrönten Bar (u.a. 2013 wurde sie als beste NewComer-Bar der Welt ausgezeichnet, heute gehört sie zu den 50 besten Bars der Welt) war für uns aber einfach ein Muss. Der Tap Room gleicht einer irischen Kneipe (nicht zu verwechseln mit einem Irish Pub oder einer Sports-Bar) mit einem langen Tresen, an dem es Bier vom Fass gibt. Der langgestreckte schmale Raum ist mit Holz vertäfelt, der Boden ist mit alten Holzdielen ausgelegt, auf denen Sägespäne liegen. Dekoriert ist der Laden mit allerlei Krimskrams und Kuriositäten.

Da das Essen nicht im Vordergrund unseres Besuchs steht, trotz Hungers, teilen wir uns einen Teller mit Schinken und Käse, und auch etwas Frittiertes, in diesem Fall „Crab-Cake“, fehlte natürlich auch nicht.

Der Fokus der engagierten Bartender liegt auf heißen und kalten Punsch-Getränken und historisch-inspirierten Drinks. Aber Vorsicht: Die Getränke sind stark! Wobei man im Tap-Room lediglich einen Vorgeschmack bekommt. Wir erfahren im Gespräch mit dem Barpersonal, dass man sich anmelden muss, um im Parlour einen Drink einzunehmen. Schade, aber was will man machen, so entschieden wir uns für zwei absolut gut gemixte, zwar kräftige, aber dennoch runde Kreationen, einen auf Gin- und einen auf Whiskey-Basis.

Warum die Bar zu den besten der Welt gehört, wird klar, wenn man sich mit den Rezepten der Getränke beschäftigt. Es handelt sich um Rekonstruktionen und Neuentwicklungen von historischen Drinks, teilweise aus der Zeit der Prohibition, aber auch Rezepten, die ihren Ursprung im 17. und 18. Jahrhundert haben. Darunter sind Flips und Nogs, Fixes und Daisies, Slings und Toddies, Juleps, Smashes sowie zahlreiche Punches. Auch Bishops werden serviert.

2015 erschien das gleichnamige Cocktailbuch „The Dead Rabbit Grocery & Grog – Drinks Manual“, das die Hintergründe der Bar und Rezepte erläutert. Nach einer etwa 50-seitigen autobiographischen Einleitung, die eindrucksvoll die Entstehungsgeschichte der Bar und der Ankunft der Barkeeper Muldoon und McGarry in den Staaten erläutert, folgen weitere elf Kapitel, die sich historischen Rezepten widmen.

Wem es also nicht vergönnt sein sollte, in der Water Street selbst vorbei zu schauen, der kann sich an den großartigen und außergewöhnlichen Drinks versuchen. Ein Besuch ist jedoch absolut empfehlenswert.

 

The Dead Rabbit – Die Bar

30 Water St, New York
NY 10004
Öffnungszeiten Mo.-So. 11:00 – 04:00 Uhr

The Dead Rabbit – Das Buch

The Dead Rabbit Drinks Manual: Secret Recipes and Barroom Tales from Two Belfast Boys Who Conquered the Cocktail World (Englisch) | Gebundene Ausgabe – Erschienen: 2015; Autoren: Sean Muldoon, Jack McGarry, Ben Schaffer

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s